Tuesday, June 27, 2006

Kalifornische Lehren

Werden Fahnen geschwenkt und einigermaßen erfolgreich Markenbälle getreten, können selbst Linke ihre deutschen Gefühle nicht mehr verbergen.

Julia Bonk, Abgeordnete der Linkspartei im Sächsischen Landtag, die Deutschlandfahnen gegen T-Shirts mit der Aufschrift "Nazis raus aus den Köpfen" tauschen wollte, bekam deshalb nicht nur Ärger mit dem schwarznrotgeilen Boulevard, sondern mit dem eigenen Fraktionschef Peter Porsch, der Balla-Balla-Bonk "weltfremde Arroganz" vorwarf und sich beeilte rundzuschreiben, sie spreche "nicht für die Fraktion".

"Man kann auch nicht glaubwürdig gegen Fremdenfeindlichkeit auftreten und zugleich die Symbole der eigenen Kultur hassen", stellt Peter Porsch sich tapfer an die Seite der kulturell wertvollen Fahnenschwenker, die - kaum zu fassen - für ihn wohl einen "neuen" Antifaschismus repräsentieren, denn "wohlweislich haben [..] die Nazis diese Farben nie verwendet." Und wer sie heute verbannen wolle, der spiele ohnehin nur den Nazis in die Hände.

Dumm ist freilich, daß nicht nur die nationale Linke das neue Deutschtum für sich beansprucht, sondern auch deren nicht weniger nationale politische Konkurrenz. Was Peter Porsch "Kultur" nennt und verteidigt, das faßt Karl Bruckmaier in der Süddeutschen Zeitung am Montag - die Überschrift: "Schwarz-Rot-Braun: Die unheimliche Metamorphose zweier Politiker in einem Zugabteil" - so zusammen:
"All die krassen Ausfälle gegen Ausländer, Linke, Grüne, Schwule sind diesen beiden jungen Männern wohl nicht zum ersten Mal über die Lippen gekommen; das waren eingeschliffene Floskeln, die einen fragen lassen, ob niemand in der CSU merkt oder merken will, wer da unters weiß-blaue Betttuch gekrochen kommt oder unter die schwarz-rot-goldene Fahne: Menschen, die sich nur deshalb Farbe ins Gesicht schmieren, damit man den braunen Grundton nicht sieht."
Das sind die anderen Spielverderber, die der deutschen Linken ihre Vaterlandsliebe madig machen. Gegen sie tritt Katja Kipping an, Vizechefin der Linkspartei, die "von Klinsi lernen" will, Deutsche zu sein. "Die freundliche und sichere Bescheidenheit von Jürgen Klinsmanns" (sic!), lobt sie, "die nun wahrlich nichts mit dem Nationalstolz gemein hat, der Leuten wie Kauder aus allen Poren trieft", sei vorbildlich.
"Die Politik in der BRD sollte von Klinsmanns Wechsel in der Spielweise lernen: Auch wir müssen uns von den erfolglosen neoliberalen Rezepten der letzten Jahre verabschieden und einen Politikwechsel einleiten- und zwar hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Wirtschaftsdemokratie."
Was machte Jürgen Klinsmann zum Vorbild? "Die Verankerung in einem anderen Land" - Wie mag es wohl heißen? - "hat den methodischen Ansatz des Nationaltrainers positiv inspiriert." Der darauf es schwer hatte, an der Heimatfront sich durchzusetzen, denn nicht zuletzt "sorgte der Kalifornische Wohnsitz des Trainers, eine rein private Angelegenheit, für viel Aufregung in den Medien." (sic!)

Doch dann - eine wahre Erfolgsstory: "Klinsmann ließ sich von den Hetztiraden nicht beirren. Der bisherige Erfolg der Nationalmannschaft gibt ihm Recht." Und damit wohl all dem, was jenes sagenumwobene "andere Land" ausmacht. Mehr soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Wirtschaftsdemokratie. Manchmal überraschen deutsche Linke doch noch. Oder war sie nur ein wenig verwirrt, die Katja Kipping, als sie ihr Loblied auf den kalifornischen Einfluß schrieb?

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